Serap Ocak

„Uns trennte nur eine Straße, aber sie war wie eine Mauer“

Endlich schafft auch mal eine Türkin das Abitur, sagte der Direktor. Bringen Sie Ihren Hauptschulabschluss mit, sagte die Sachbearbeiterin. Das schmerzte. Serap Ocak hat sich davon nicht beirren lassen – und machte Karriere im Auswärtigen Amt.

Serap Ocak, geboren 1976 in Illertissen, ist stellvertretende Referatsleiterin Syrien/Libanon im Auswärtigen Amt. Von 2015 bis 2019 arbeitete sie in der Deutschen Ständigen Vertretung bei den Vereinten Nationen in New York, von 2012 bis 2015 im Bundeskanzleramt, von 2010 bis 2012 im Arbeitsstab Afghanistan-Pakistan. Zuvor war sie politische Referentin der EU-Delegation in Ankara. Ocak hat Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz und Middle East Studies an der Central Connecticut State University in den USA studiert. Sie war Stipendiatin des Landes Baden-Württemberg und Alumna der Munich Young Leaders (Körber Stiftung/Münchner Sicherheitskonferenz). Von 2013 bis 2015 war sie Mentorin der Deutschlandstiftung Integration.
Ich kann gut zuhören. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass ich Diplomatin geworden bin.

In meiner Klasse auf dem Gymnasium gab es zwei Neonazis, einer von ihnen war Skinhead. Die Haare abrasiert, weiße Schnürsenkel in den Springerstiefeln, immer einen menschenverachtenden Witz auf den Lippen. 

Einmal ließ ich eine Exkursion ins KZ Dachau seinetwegen ausfallen. Dabei wäre ich gern mitgefahren. Aber ich ertrug den Gedanken nicht, dass er eine dieser menschenverachtenden Bemerkungen machen würde, die – wie oft der Fall – ohne Reaktion bleiben würde. 

Trotzdem hatte ich einen Draht zu ihm. Manchmal unterhielten wir uns. Er erzählte mir von den Problemen, die er zu Hause hatte, von einer Schlägerei mit türkischen Jungs, nach der er sich die Haare abrasiert hatte. Ich versuchte, ihn zu verstehen. Er war frustriert, komplexbeladen und bemitleidenswert. Warum dieser Hass? 

Ich bin vielen Skinheads begegnet in meiner Jugend, und jedes Mal, wenn ich sie sah, hatte ich ein flaues Gefühl. Wir lebten in einem 20.000-Seelen-Ort in Bayern, in einer winzigen Sozialwohnung. Es war ein Hotspot, wie man heute vielleicht sagen würde, ein sozialer Brennpunkt mit vielen türkischen Gastarbeiterfamilien. Auf der anderen Straßenseite standen Einfamilienhäuser, gutbürgerliche Vorstadt, da wohnten die deutsche Familien. 

Uns trennte nur eine Straße, aber sie war wie eine Mauer. Sie waren nicht sehr offen, unsere Nachbarn, einige von ihnen waren, im damaligen Jargon, offen ausländerfeindlich. Dass wir Türken nicht willkommen waren, ließen sie uns ständig spüren. Am deutlichsten, als ein besonders mutiger Nachbar, eine besonders mutige Nachbarin im Eingang unseres Wohnblocks ein Stück Karton mit der Parole „NPD an die Macht“ anbrachte. 

Meine Eltern wären gern weggezogen aus dieser Gegend, aber viele Wohnungen waren „nur für Deutsche“ inseriert, und wenn doch mal jemand antwortete, war die Wohnung wie zufällig schon vergeben. 

Eigentlich wollten meine Eltern, so wie die meisten, einige Jahre lang in Deutschland arbeiten, etwas Geld sparen und dann heimkehren in die Türkei. Sie waren im Zuge des Anwerbeabkommens 1969 als Gastarbeiter:innen nach Deutschland gekommen. Kein Wunder, dass wir gefühlt stets auf gepackten Koffern saßen. Oder saßen wir buchstäblich auf gepackten Koffern? Ich meine, mich an Kartons in unserer Wohnung erinnern zu können. 

Doch es kam anders. Je weiter meine und die Schulzeit meiner Schwestern fortschritten, desto ferner rückte der Gedanke an eine Rückkehr. Wir sollten es einmal besser haben, wir sollten lernen und studieren, dieser Wunsch überstrahlte alles, uns zuliebe blieben die Eltern dann doch. Das Ergebnis: eine Architektin, eine Germanistin und eine Diplomatin. 

Mit einer Schwester besuchte ich den katholischen Kindergarten, geführt von liebenswerten Nonnen. Der Pfarrer, ein guter Mensch, tat alles, damit wir beiden trotz Überfüllung aufgenommen wurden. Er versprach es meinen Eltern, als sie einmal verzweifelt bei ihm vorsprachen; beide arbeiteten Schichtdienst bei Telefunken. Wir fühlten uns wohl im Kindergarten, bald sprachen wir fließend Deutsch. 

Trotzdem gingen wir zunächst in die damals in Bayern nicht ungewöhnliche „türkische Klasse“ der Grundschule – mit türkischem Schulcurriculum. Schließlich sollten wir Gastarbeiterfamilien ja in die Türkei zurückkehren und dort wieder Anschluss finden. Das Wort Integration existierte nicht. 

Meine Mutter begriff schnell, dass das eine Sackgasse war und wir die reguläre deutsche Schullaufbahn einschlagen mussten, um voranzukommen. Also trat ich mit neun Jahren in die „deutsche Klasse“ ein. Jeden Morgen standen wir von unseren Plätzen auf und es wurde in Richtung des an der Wand hängenden Kruzifixes das „Vaterunser“ gebetet. Ich stand mit dabei und stellte irgendwann erstaunt fest, dass ich das Gebet auswendig konnte.   
Ich holte die Formulare für einen Einbürgerungsantrag im Landratsamt Neu-Ulm ab. Da wurde mir unmissverständlich deutlich gemacht, in welche Schublade ich gehörte: „Bringen Sie eine Kopie Ihres Hauptschulabschlusses mit“, rief mir die Sachbearbeiterin hinterher.
Meine Klassenlehrerin war engagiert und tat viel, damit ich mich wohlfühlte. Zwar hatte ich nicht den Luxus, dass meine Eltern mich bei meinen Schulaufgaben unterstützen konnten, aber es lief sehr gut. Ich bekam die Gymnasialempfehlung.

Meine Mutter hatte nicht studiert, aber ihr war klar, dass Bildung der Schlüssel zu allem ist. Sie hat sich für viele Kinder eingesetzt. Mehrere hat sie vor der Sonderschule bewahrt. Sie sollten dorthin abgeschoben werden, weil ihr Deutsch nicht so gut war. Einige von ihnen studieren heute oder sind Ingenieure. 

Meine Mutter half anderen Eltern, sich zurechtzufinden im Bildungswirrwarr in Bayern, sie schärfte ihnen ein, dass sie präsent sein, zur Elternsprechstunde gehen müssen, zeigen sollen, dass sie hinter ihren Kindern stehen. 

Auch auf dem Gymnasium auf dem bayerischen Land war ich zunächst die einzige Türkischstämmige. Für das Lehrerkollegium und meine Mitschüler:innen war das gewöhnungsbedürftig. Immer wieder musste ich mir anhören: „Du bist anders als andere Türken.“ Was sollte denn an mir anders sein? „Wie viele kennt ihr denn? Nein, ich bin nicht anders, ich bin wie alle anderen“, widersprach ich. Hat es etwas genutzt? 

Viele Lehrer:innen meinten es gut. Aber auch die ließen mich spüren, dass ich nicht dazugehörte. Bei meiner Abiturfeier konnte sich unser Direktor die flapsige Aussage nicht verkneifen: „Endlich schafft auch mal eine Türkin das Abitur.“ 

Kurz zuvor hatte ich mich entschieden, einen Einbürgerungsantrag zu stellen. Ich hatte einen türkischen Pass wie meine Eltern, obwohl ich in Deutschland geboren, hier aufgewachsen, zur Schule gegangen war. So sah es das damalige Staatsbürgerschaftsrecht vor. Bald würde ich Abitur machen und Politik studieren – und trotzdem wurde mir das Grundrecht zu wählen verwehrt? War das Demokratie? Das war für mich nicht akzeptabel. 

Also holte ich die Formulare für einen Einbürgerungsantrag im Landratsamt Neu-Ulm ab. Da wurde mir unmissverständlich deutlich gemacht, in welche Schublade ich gehörte: „Bringen Sie eine Kopie Ihres Hauptschulabschlusses mit“, rief mir die Sachbearbeiterin hinterher. 

Ich stand kurz vor dem Abitur, ich fühlte mich angekommen, und dann so ein Kommentar. Na gut, dachte ich, dann lässt du dich eben nicht einbürgern. 

Einige Jahre später machte ich es doch, aus rein praktischen Erwägungen: Ich hatte mit meinem türkischen Pass kein Visum für mein Praktikum in den USA bekommen. Noch einmal sollte mir das nicht passieren. Also durchlief ich das Verfahren. Am Tag meiner Einbürgerung freute sich der ältere Sachbearbeiter (ich erinnere mich genau an seinen Namen), die Zigarre im Mund: „Sie bekommen ja an einem ganz besonderen Tag Ihre Einbürgerung.“ 

Es war der 20. April. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Aber die mich begleitende Person hatte es auch gehört. Damals war mir „Dienstaufsichtsbeschwerde“ kein Begriff. Leider. 

Solange ich mich erinnere, habe ich mich für internationale Politik, globale Zusammenhänge, andere Kulturen, Länder und Religionen interessiert. Ich wollte unbedingt etwas Internationales machen, mich mit internationaler Politik, Völkerrecht, Menschenrechten beschäftigen. Das stand fest. Da geschah, wenige Tage vor Abgabe meiner Politik-Diplomarbeit, der 11. September. Mein erster Gedanke: Wer würde jetzt noch eine Muslimin einstellen? 

Doch es kam anders. Ich hatte mich bei der Studienstiftung des deutschen Volkes für ein Promotionsstipendium beworben – und erhielt eine Zusage. Und am selben Tag erhielt ich ein Schreiben vom Auswärtigen Amt – mit einer zweiten Zusage. Ich hatte mich dort auf Drängen meiner Schwester beworben. Dass jemand mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst eingestellt würde und dann auch noch im Auswärtigen Amt, erschien mir als völlig unrealistisch. Es gab ja auch niemanden, der mir als Vorbild hätte dienen können. 

Ich wurde eingestellt. Und begann meine Berufslaufbahn im Auswärtigen Dienst. Nach meinem ersten Posten im Arbeitsstab Afghanistan/Pakistan ging es ins Team des außen- und sicherheitspolitischen Beraters der Bundeskanzlerin im Bundeskanzleramt. Dort beschäftigte ich mich mit der Golfregion und Afrika. Zuletzt war ich war an der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York zuständig für den Nahen und Mittleren Osten. Heute bin ich im Auswärtigen Amt stellvertretende Referatsleiterin für Syrien und Libanon. 

2011 schloss ich die diplomatische Akademie ab. Auf der Abschlussfeier fragte der Vater einer Crewkollegin meinen Vater: „Und, wann planen Sie, in Ihre Heimat zurückzukehren?“ 

Es hat sich viel geändert. Als ich vor zehn Jahren im Auswärtigen Amt begann, gab es im höheren Dienst keine Diplomat:innen mit türkischen Wurzeln. Heute ist der Auswärtige Dienst diverser. Nicht allen gefällt das, wie mir ein junger Kollege deutlich zu verstehen gab. Andererseits hatte ich das Glück, mit wirklich beeindruckenden Diplomat:innen zu arbeiten – sowohl fachlich als auch menschlich brillant, die mir Mut gemacht und mich unterstützt haben.  
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